Der Buddhismus lehrt als Quelle allen Leidens den Glauben an ein beständiges Selbst, Seele, Ego (Samyutta Nikaya 12, 35). Sobald die Empfindung eines solchen Ichs auftritt findet zwangsweise eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt statt. Es wird ein Dualismus herbeigeführt, der auf Künstlichkeit beruht. Diese Unterscheidung ist zwar in gewissen Bereichen unerläßlich, in anderen führt sie jedoch zum Leiden.
Der Buddhismus unterscheidet daher eine konventionelle (vohāra-sacca) und eine absolute Wahrheit/Realität (paramattha-sacca). Der Buddha unterscheidet im konventionellen Sinne sein Selbst von dem Anderer, aber im absolutem Sinne weiß und fühlt er, dass dies ein Trugschluß ist. Die Psychotherapie spricht vom narzißtischem Streben, welches der Durst nach einem festen Selbstbild ist (Epstein, 1996, S. 69). Es ist das Verlangen nach Sicherheit, wo immer sie auch zu finden sein mag. Doch der Buddha hat erkannt, dass dieses Streben nicht durch unsere Natur befriedigt werden kann, denn, wir sind bezogen auf ein festes Selbstbild, dem beständigem Selbst/Ego, wesenslos. Der Glaube an ein beständiges Selbst lenkt uns ab von unserem Dilemma und perpetuiert die existentielle Unzufriedenheit, die sie lindern sollte. Der Buddha wurde während seiner Lebenszeit häufig kritisiert als jemand “der die Vernichtung des Selbst lehrt”. Der Buddha erwiderte, er würde weder die Vernichtung, noch Unterdrückung oder Leugnung eines Ich lehren, denn dieses Ich hat niemals bestanden. Auf Grund dessen geht es in der buddhistischen Philosophie nicht um das Besiegen des Ego, sondern philosophisch gesprochen um das Erkennen der Nicht-Existenz eines Ego. Solange dieser Glaube besteht, besteht meiner Ansicht nach auch das narzißtische Streben weiter, auch wenn es bei einigen Personen nur in stark abgeschwächter Form weiter besteht.
Der Mensch vergleicht nun (wahrscheinlich unbewußt) sein tatsächliches Selbstbild mit dem Idealbild, welches das narzißtische Streben als Glück vorgibt, und aus dieser Diskrepanz heraus entsteht Leiden. Man versucht die beiden Polen einander anzunähern. Dies mündet teilweise im Bestreben es durch materielle Güter auszugleichen, es entsteht Begierde (lobha). Oder durch Ablehnung bestimmter Sachen, in einigen Fällen auch sich selbst, dies führt zu Haß (dosa). Die Aufhebung des Ichglaubens führt zur Aufhebung des narzißtischen Strebens. Man erkennt seine Gleichheit mit Anderen. Es gibt keinen existentiellen Unterschied zwischen mir und dir. Der Buddha lehrt, der Mensch besteht lediglich aus (fünf Gruppen, khandha): Körper (rupa), Gefühlen (vedāna), Wahrnehmungen (sannā), Geistesformationen (sankhāra) und Bewußtsein (vinnāna). Diese Gruppen verändern sich in jedem Augenblick, so dass der Mensch selbst ständig im Wandel ist. Was sich ständig wandelt hat keinen Kern, der einen festen Gegenpunkt zu Anderen bildet. Nyanatiloka schreibt in seinem ‘Buddhistischem Wörterbuch’:
Unser sogenanntes individuelles Dasein ist in Wirklichkeit nichts weiter als ein bloßer Prozeß, der seit undenkbaren Zeiten schon vor unserer Geburt im Gange war und der auch nach dem Tode sich noch für undenkbar lange Zeitperioden fortsetzen wird. Diese 5 Daseinsgruppen aber bilden, weder einzeln noch zusammengenommen, irgend eine in sich geschlossene wirkliche Ich-Einheit oder Persönlichkeit, und auch außerhalb derselben existiert nichts, was man als eine für sich unabhängig bestehende Ichheit bezeichnen könnte, sodaß eben der Glaube an eine im höchsten Sinne wirkliche Ichheit, Persönlichkeit usw. eine bloße Illusion ist (Nyanatiloka, 1989, S. 106-107).
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